Spurenstoffe im Wasser - Thema Trinkwasserqualität

Themenschwerpunkt Wasserqualität

Spurenstoffe im Wasser

Experten bewerten Spurenstoff-Thematik aus verschiedenen Blickwinkeln 

Rückstände von Stoffen aus dem menschlichen Alltag gelangen kontinuierlich in die Umwelt. Und damit in die Wasserressourcen, aus denen Trinkwasser gewonnen wird. Immer bessere Analysesysteme weisen Bestandteile in immer kleineren Konzentrationen nach - im Mikro- und Nanogramm-Bereich (Millionstel und Milliardstel Gramm). Diese Entwicklung wirft bei Verbrauchern*innen Fragen auf: 

  1. Was ist drin in unseren Gewässern und wie viel?  
  2. Welche dieser Stoffe finden sich auch im Trinkwasser?  
  3. Welche Auswirkungen haben sie möglicherweise auf unsere Gesundheit? 

Wir haben mit Experten aus der Wasserwirtschaft über Spurenstoffe im Wasser gesprochen. Schauen Sie sich die Interviews an und erfahren Sie, wie die Experten Spurenstoffe im Wasser bewerten. 

Dr. Claudia Castell-Exner: Spurenstoffe im Kontext der EU-Politik  

 „Die Initiativen der Kommission, sich im European Green Deal für den Schutz der Umwelt und insbesondere des Wassers einzusetzen, sind vielversprechend und könnten nun endlich der Durchbruch sein, den wir in diesem Politikbereich so dringend benötigen. Dies gilt vor allem für die Spurenstoffe, die Trinkwasserressourcen belasten.“ 

Dr. Claudia Castell-Exner ordnet die Spurenstoff-Thematik inklusive politischer Mechanismen und Debatten im europäischen Kontext ein. Mit dem „European Green Deal“ – dem Fahrplan der Europäischen Kommission für eine nachhaltige EU-Wirtschaft – sollen klima- und umweltpolitische Herausforderungen gemeistert werden. Dr. Claudia Castell-Exner bewertet das darin enthaltene „Null-Schadstoff-Ziel“ und die „Chemikalien-Strategie“ für den Schutz der Trinkwasserressourcen. 

Dr. Wolfgang Leuchs: Monitoring spielt eine zentrale Rolle

„Der Wasserversorger tut in der Regel mehr, als er gemäß Trinkwasserverordnung tun muss.“ 

Dr. Wolfgang Leuchs zeigt auf, welche entscheidende Rolle breit angelegte Untersuchungsprogramme auf Spurenstoffe im Wasserkreislauf, sogenanntes Monitoring, für das Verstehen, die Vorsorge und die Aufklärung haben. Seitdem der Mensch auf der Erde ist, hinterlässt er Spuren in der Umwelt. Die Analytik macht diese Spuren sichtbar. Mit der technologischen Weiterentwicklung wird erkennbar, welche und wieviel der Menschen gemachten Einträge im Wasser sind. Er erklärt, wie sich aus umfassender Überwachung Handlungsempfehlungen für alle Ebenen ergeben. Dabei handelt es sich immer um langfristige Entwicklungen. Es kann Jahrzehnte dauern, bis sich positive wie negative Auswirkungen bemerkbar machen.
 

Jochen Kuckelkorn: Das Konzept der GOW 

„Das GOW-Konzept wurde entwickelt um Substanzen, die im Trinkwasser gemessen werden, zu bewerten, obwohl keine toxikologische Datenlage vorhanden ist.“

Durch die verbesserte Analytik wurden viele neue Chemikalien identifiziert, was Wasserversorger bei der Aufbereitung vor große Herausforderungen stellt. Laut Jochen Kuckelkorn vom Umweltbundesamt muss die Spurenstoff-Thematik im europäischen Kontext und als gesamtgesellschaftliches Problem betrachtet. Er erklärt, was hinter dem GOW-System steckt (GOW= Gesundheitliche Orientierungswerte), das vom Umweltbundesamt entwickelt wurde und von Gesundheitsämtern umgesetzt wird. Und was passiert, wenn neue Stoffe gefunden werden.
 

Dr. Marco Scheurer: Eigenschaften und Nachweis von Spurenstoffen 

„Spurenstoffe bilden die Spuren des menschlichen Lebens in Gewässern ab“

Dr. Marco Scheurer beschäftigt sich als Analytik-Experte mit dem Nachweis von Spurenstoffen im Wasser. Er gibt einen Überblick über die Analyse-Möglichkeiten, mit denen Spurenstoff im Wasser nachzuweisen sind. Er trinkt übrigens Leitungswasser, vor allem weil es nachhaltiger ist als Flaschenwasser. Seiner Meinung nach sind die Spurenstoff-Konzentrationen im Trinkwasser viel zu gering um gesundheitliche Auswirkungen zu haben. 
 

FAQs

Hier beantworten wir die häufigsten Fragen über Spurenstoffe im Wasser. 

Was sind Spurenstoffe?

Das sind menschlichgemachte Stoffe, die nur in geringsten Spuren in der Umwelt nachweisbar sind. Der berühmte Zuckerwürfel in der Talsperre. Darunter fallen unterschiedliche Stoffgruppen, zum Beispiel Pflanzenschutzmittel, Medikamentenrückstände, Industrie- und Haushaltschemikalien usw. In den vergangenen Jahren sind durch verbesserte Analysemethoden immer wieder neue Spurenstoffe in der Umwelt entdeckt worden.  

Es sind mikroskopisch kleine, gelöste Spuren unseres Lebens im Wasser. Daher nennt man sie auch anthropogene Einträge: künstlich hergestellte Stoffe, die durch uns in die Umwelt und den Wasserkreislauf gelangen. 

Wie kommen Stoffe in den Wasserkreislauf?

Anthropogene (durch den Menschen verursachte) Einträge gelangen über verschiedene Wege in die Umwelt, zum Beispiel über das Abwasser, die Luft und den Boden. Besonders häufig finden Sie über das Abwasser den Weg in den Wasserkreislauf. Kläranlagen können nicht alle Stoffe vollständig aus dem Abwasser entfernen. So gelangen sie in die Gewässer und das Grundwasser und unter Umständen auch ins Trinkwasser, wenn sie im Rahmen der Wassergewinnung und -aufbereitung nicht vollständig entfernt werden können. Allerdings sind ihre Konzentrationen sowohl im Rohwasser als auch im Trinkwasser extrem gering.  

Sind Spurenstoffe im Wasser gesundheitlich bedenklich?

Nach heutigem Kenntnisstand ist die Konzentration der nachgewiesenen Stoffe im Trinkwasser für den Menschen unbedenklich.  

In welchen Mengen sind Spurenstoffe im Wasser?

Spurenstoffe sind in sehr geringen Mengen im Wasser nachweisbar. In der Grafik finden Sie die wichtigsten Maßeinheiten und ihre Bedeutung.   

 

Was bedeutet Vorsorgeprinzip?

Stoffe, die nicht ins Wasser gehören, sollten gar nicht erst in den natürlichen Wasserkreislauf gelangen. Zum einen, weil sie schädlich auf Umweltorganismen wirken können. Zum anderen, weil sie die Qualität der Trinkwasserressource beeinträchtigen und nur schwer oder gar nicht aus dem Wasser zu entfernen sind – mit großem technischen Aufwand und hohen Kosten für den Verbraucher.  Deshalb ist Vorsorge in Form eines umfassendes Gewässerschutzes und der Vermeidung von Einträgen besser als Nachsorge. Da der Wasserkreislauf nicht an Ländergrenzen Halt macht, ist Wasserschutz eine europäische Herausforderung. Die Aufgaben müssen europäisch, national, regional und lokal umgesetzt werden. 

Welche Analysemethoden gibt es?

Man unterscheidet in die zielgerichtete Target-Analytik und das ungerichtete Non-Target-Screening. Die Target-Analytik stellt den Regelfall der Untersuchungen dar – es werden genaue Konzentrationswerte für einzelne, gezielt ausgewählte Stoffe ermittelt. Anhand dieser Daten kann eine konkrete Beurteilung einer Belastungssituation erfolgen. So können Belastungen über einen Zeitraum nachvollzogen, Eintragsquellen gefunden oder, zum Beispiel, Einflüsse von Starkregenereignissen bewertet werden. Um die Bestimmung mit der notwendigen Empfindlichkeit und analytischen Genauigkeit durchführen zu können, müssen die eingesetzten Verfahren auf die jeweiligen Analyten optimiert sein. Somit erfordert es diese Form der Analytik, bereits vor den Messungen eine Auswahl an Stoffen zu treffen, deren Vorkommen untersucht werden soll.

Im Gegensatz dazu zielt das Non-Target-Screening nicht auf einzelne, im Vorfeld als relevant beurteilte Stoffe. Stattdessen wird versucht, eine möglichst breite Palette der vorhandenen Spurenstoffe in einer Messung zu erfassen. So lassen sich auch vorher unbekannte Substanzen finden. Die Flexibilität in der Bestimmung geht dabei zu Lasten der analytischen Genauigkeit. Das heißt, dass mit dem Non-Target-Screening das Vorhandensein eines Stoffes gezeigt, aber keine Aussage über die tatsächliche Konzentration getroffen werden kann. Dazu müssen dann wieder gezielte Methoden aus der Target-Analytik eingesetzt werden. Die Screening-Untersuchungen können so genutzt werden, um die oft begrenzten Laborkapazitäten der Target-Analytik möglichst effizient auf die tatsächliche Belastungssituation auszurichten.
 

Die Experten im Überblick 

Dr. Claudia Castell-Exner

Dr. Claudia Castell-Exner koordiniert im Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) neben weiteren Führungsaufgaben die europäische Wasserpolitik. Sie ist unter anderem Präsidentin des EurEau, der europäischen Vereinigung der nationalen Verbände in der Wasserver- und Abwasserentsorgung.  

Dr. Marco Scheurer

Dr. Marco Scheurer leitet die Abteilung Wasserchemie beim DVGW-Technologiezentrum Wasser (TZW) in Karlsruhe. Er ist Experte für Substanzen in Gewässern und die Analyse von Spurenstoffen.

Jochen Kuckelkorn

Als Biologe beschäftigt sich Jochen Kuckelkorn intensiv mit anthropogenen Spurenstoffen im Wasserkreislauf. Er ist Fachgebietsleiter des Fachgebiet II 3.6 „Toxikologie des Trinkwassers und des Badebeckenwassers“ beim Umweltbundesamt Bad Elster. 

Dr. Wolfgang Leuchs

Der Geologe war bis 2021 Leiter der Abteilung 5 - Wasserwirtschaft, Gewässerschutz im LANUV - beim Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen. Inzwischen ist er im Ruhestand.

Dr. André Liesener

Der Chemiker gehört zu den führenden Köpfen in der Wasserchemie. Er leitet die Abteilung Chemische Analytik bei der Westfälische Wasser- und Umweltanalytik (WWU) in Gelsenkirchen. Er ist als analytischer Experte verantwortlich für Untersuchungen zur Überwachung der Trinkwasserqualität und der Kontrolle der für die Trinkwassergewinnung eingesetzten Rohwasserressourcen.  

Dr. Thomas-Benjamin Seiler

Der Diplom-Biologe mit dem Schwerpunkt aquatische Öko-Toxikologie leitet seit Anfang 2021 das Hygiene-Institut des Ruhrgebiets-Institut für Umwelthygiene und Toxikologie.

Ihre Ansprechpartner

Mareike Roszinsky

Presse & Medien

Thomas Pochwyt

Experte Wasserqualität